Johann Sebastian Bach Matthäus-Passion
Fassung von Felix Mendelssohn Bartholdy 12./13. April 2025

Oratorienchor brilliert mit Bachs Matthäus-Passion
Rolf App im St. Galler Tagblatt 15. April

Er sei, sagt der Dirigent Uwe Münch, «angesichts dieses Werks erfüllt von einer riesigen Ehrfurcht». Denn Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion sei zwar auf der einen Seite äusserst kunstvoll und komplex komponiert, in ihr drückten sich aber auf der anderen Seite Gefühle aus, die jeder Mensch nachvollziehen könne, was auch immer er glaube. «Man findet hier einige der schönsten Stücke, die Bach komponiert hat, das ist geradezu überirdische Musik.»Diese in der Tat stellenweise überirdisch schöne Musik hat Münch nach einer langen Vorbereitungszeit mit dem Oratorienchor St. Gallen, mit dem Sinfonieorchester St. Gallen und mit den Solisten Manuel Walser (Bass), Hanna Zumsande (Sopran), Christina Daletska (Alt) und Stefan Sbonnik (Tenor) am Palmsonntags-Wochenende zwei Mal in der Kirche St. Laurenzen so eindrucksvoll in Szene gesetzt, dass das Publikum am Samstagabend nach dem Schlussakkord zuerst einmal minutenlang in der Stille verharrt, bevor ein starker Applaus aufbrandet. Der vielköpfige, um Kinder und Jugendliche der Rudolf-Steiner-Schule St. Gallen und Schülerinnen der Heimschule Kloster Wald von der anderen Seite des Bodensees verstärkte Oratorienchor trägt den Abend. In seinen vielen, oft auch in den Dialog zueinander tretenden Stimmen entfalten sich die Gefühle, von denen die Passionsgeschichte handelt: von Liebe, Trauer, Verlust, Verzweiflung, aber auch von Erschütterung, Wut und Empörung. Und von Hoffnung, was die Matthäus-Passion zu einem überzeitlich gültigen Werk macht. Und wenn Igor Keller an der Solovioline in «Erbarme dich, mein Gott» zu spielen anhebt und Hanna Zumsande zu den Pizzicati der Streicher eine ergreifende Melodie anstimmt, dann glaubt man, in der Trauer ein Stück des Himmels zu erkennen. Die Kunst dieses Abends liegt im Ganzen. Im Zusammenspiel des ebenso farbenreich auftretenden wie behutsam geführten Orchesters, dessen Klang wunderbar durchhörbar ist, mit den Chorstimmen, deren Gefühlsausdruck unablässig wechselt, und mit den Solisten, die sich in Arien und Rezitativen ganz natürlich einfügen. Ein ganz besonderes Erlebnis bereitet da – neben Christina Daletska mit ihrer warmen Alt-Stimme – Manuel Walser, dessen sanfter Bass alle Gefühlsschattierungen mühelos zum Ausdruck bringt.

Ja, die Kunst liegt im Ganzen
Klaus Stahlberger im St. Galler Tagblatt 17. April

Ja, es war ein wunderschönes und beeindruckendes Palmsonntagskonzert, und ja, die Kunst liegt im Ganzen! Alle Mitwirkenden haben dazu beigetragen, die Chöre und das Orchester, die Solisten wie der Dirigent und Claire Pasquier am Hammerklavier. Ein besonderes Erlebnis. Und nach alter Tradition wartet das Publikum, bis die grosse Glocke das Konzert ausgeläutet hat und das Publikum Zeit hat, sich zu sammeln, mit dem Applaus. Eine wichtige Person aber wurde unterschlagen. Oder vergessen? Felix Mendelssohn Bartholdy: ihm verdanken wir die Wiederentdeckung der Matthäus-Passion, die fast 100 Jahre lang nach dem Tode Bachs nicht mehr aufgeführt wurde. Mendelssohn hat das Werk respektvoll und subtil gekürzt und anders instrumentiert, darum der Hammerflügel! Das Begleitheft zur Aufführung gibt wertvolle Hinweise zu dieser Geschichte. Ja, eine wunderschöne Aufführung!
Klaus Stahlberger, St. Gallen

Eine begeisterte Zuschrift aus Berlin

Auch wenn die Aufführungen der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach in der Bearbeitung von Mendelssohn-Bartholdy (um die Autoren
verdientermaßen korrekt zu benennen) in der St. Laurenzenkirche in St. Gallen nun schon über eine Woche zurückliegen, erscheint es mir – einer sich
dankbar und beeindruckt erinnernden Zuhörerin geboten, den oben erwähnten positiven Anmerkungen eine weitere hinzuzufügen. “Eine wichtige Person aber wurde unterschlagen. Oder vergessen?” Fragt ein aufmerksame Zuhörer im Tagblatt vom 17. April und bezieht sich damit auf Mendelsohn-Bartholdy, dessen Initiative einschließlich der Bearbeitung des Riesenwerkes wir die Wiederaufführung nach 100 Jahren zu verdanken haben. Doch auch eine weitere, für die  Gestaltung dieser Aufführungen jetzt in St.Gallen ganz wesentliche wurde kaum erwähnt, und doch war sie es, die gesanglich dem Kaleidoskop des vielfältigen musikalischen Formen – dramatische Chöre, klagende Choräle, empfindsame Arien, knappe wie bittere Dialoge – den linearen Halt gab und zudem Momente  der nahezu magischen Intensität erschuf – und dies war die Stimme und Persönlichkeit des Tenors Stefan Sbonnik. Die technische Stabilität seines hellen immer fundiert bleibenden Tenors gab den Rezitativen und damit der Erzählung, bzw. der dramatischen Handlung die verläßliche Kontinuität, er hielt so die musikalische Spannung (ohne auch nur eine einzige Leerstelle) auf einem hohen Niveau, die einzelnen sich so scharf abgrenzenden musikalischen Formen und Aussagen logisch verbindend und so den Fluß der Erzählung, bzw. das Tempo seiner Strömung bestimmend – dies vermittelte eine künstlerische Vollendung, wie man sie selten erlebt. Aber nicht nur das – Stefan Sbonnik gelangen zudem interpretatorische Momente tief berührender Suggestion, und zwar dann, wenn die menschliche Seele tief verletzt wird – wie etwa bei Petrus, wenn der Text sagt “Und ging hinaus und weinete bitterlich” – voller Scham, Jesum verleugnet zu
haben, so schuldig geworden zu sein an einem geliebten Menschen. Stefan Sbonnik sang diese Worte in einem Pianissimo, das in die Ferne führte –
und in einen magischen Moment der vollkommenen Stille – – – auch des Publikums – Mehrere solcher Momente der nahezu wundersamen musikalischen Intensität der Stille haben diese Aufführungen geprägt. Aber es sind nicht nur Sensibilität und die erreichte Technik die Voraussetzung für diese Momente, es ist auch – wie auch die zitierten Kommentatoren andeuteten, das Ganzheitliche, oder der Geist, der alle Mitwirkenden beflügelte, ein Geist der geschulten und geachteten, allseitigen Aufmerksamkeit füreinander, der diese Präzision und dann diese künstlerische Intensität zu schaffen ermöglicht. Dank sei daher hier noch einmal an alle Mitwirkende ausgesprochen, an vorderster Stelle dem künstlerischen wie organisatorischen Team, für dieses überzeugende und tief  berührende musikalische Ereignis.
Gaby Flatow, Strausberg (bei Berlin)